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Noblesse verpflichtet
Süddeutsche Zeitung, 1. Februar 2005
München-Gauting. Die Kompositionen stammten aus der Renaissance sowie aus dem Frühbarock, und ihre Texte waren keine Eigendichtungen des Sängers. Dennoch erinnerte der Auftritt des in München lebenden US-Amerikaners Joel Frederiksen an die Zeit der mittelalterlichen Troubadours, die durch die aristokratischen Häuser zogen und meistens mit einem Saiteninstrument in der Hand ihre gesungene Dichtkunst zum Besten gaben. Liebe, Leid, Glück, Freude und Schmerz waren ihre Themen, die bis heute überdauerten und weiterhin ein großes Publikum finden. Im Schlosscafé Fussberg wurde es - bei guter Stimmung - jedenfalls eng.
In der Renaissance war die Stellung des Lautenisten und Sängers durchaus angesehen, die Tradition, die in höheren Häusern gepflegt wurde, schien aus dem Mittelalter überdauert zu haben. So stand Thomas Campions (1567 bis 1620) Vater im diplomatischen Dienst. Thomas More (1478 bis 1535) war sogar Sohn eines prominenten Richters.
Ihre Musik vermittelte in ihrer poetischen Melancholie auch reichlich Noblesse, die sich dem gemeinen Volk wohl kaum erschlossen hätte. "Orpheus I am" von Robert Johnson (1583 bis 1633) wies schon zur Eröffnung des Abends die schöngeistige Ausrichtung, wobei der warme Bass von Frederiksen die lyrische Note sofort zielsicher erfasste. Das filligrane Gespinst der achtchörigen Renaissance-Laute übernahm den ergänzenden Part der Mehrstimmigkeit, gab Frederiksen aber auch die Gelegenheit zu virtuoser Spielkunst mit Freude an der feinen Verzierung.
Was an Literatur aus dieser Zeit bis heute überdauert hat, stammt in den meisten Fällen aus dem höfischen Umkreis. So finden sich in den Biographien der vorgestellten Komponisten so wohlklingende Herrschernamen wie die der Königin von England (Johnson), Maria di Medici (Gabriel Bataille, 1575 bis 1530) oder des Kardinals Ippolito II. d'Este (Adrian Willaert, 1490 bis 1562). Wobei der packende Vortrag Frederiksens deutlich daran erinnerte, dass gerade die höfischen Sitten vor Sinnenfreuden keinesfalls Halt machten. Volkslieder fügten sich daher nahtlos ein, zumal ihre Schlichtheit die Poesie keineswegs vermissen ließ.
Dass Frederiksen den zweiten Teil des Programms größtenteils mit Musik von Giulio Caccini (1550 bis 16l8) bestritt, war sicher wohlüberlegt. Auch wenn bisweilen die Musik der französischen Komponisten durchaus tänzerische Stimmung vermittelte, kam bei Caccini die heiter-unterhaltsame Note noch ein wenig überzeugender zur Geltung.
Dies lag sicher auch am begeisternden Duktus im Vortrag des Sängers, mit dem er sich in Liedern wie "Chi mi confort 'ahimé", "Amor ch'attendi" oder "Deh chi d'alloro" dem Augenzwinkern Caccinis nicht verschloss. Auf drei Zugaben - in diesem Fall von John Dowland ( 1563 bis 1626) - folgte frenetischer Applaus.
REINHARD PALMER
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