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Wehmütige Lautenlieder künden von Liebesleid
Die Gedankenwelt der Renaissance wird im Spiel von Joel Frederiksen lebendig.

Süddeutsche Zeitung, 14.06.2005

 
"Wissen Sie, die Liebe ist wie Fortuna am Spinnrad." Was jetzt wohl kommen mag, dachte man bei sich. "Das Glücksrad dreht sich, und niemand weiß, wo es hält und ob es überhaupt Glück bringt." Da wurde einem schwer ums Herz. Zumal die Renaissance Lautenlieder, die Joel Frederiksen am Sonntag im Rahmen des Musiksommers Loisachtal präsentierte, von Liebespech kündeten. Im Kern drehte sich alles um Petrarca: Der berühmte italienische Dichter hatte eine Liebeslyrik geschaffen, die zum europäischen Vorbild wurde. Da geht es um Anbetung der Geliebten und um Uberhöhung der Liebe. Sonnenröte und Lorbeer gehören zum universellen Metapherfundus. Da wird gefleht und verschmäht, gehtten und gerungen: Trotzig, mitünter auch resigniert wird Fortuna zur Rede gestellt. Unter dem Titel "Orpheus, I am" präsentierte Frederiksen Vertonungen aus England, Frankreich und Italien.

Größenwahnsinnig ist Frederiksen nicht, obwohl ein solches Motto darauf schließen lassen könnte. Der Titel geht auf eine Ballade von Robert Johnson zurück und verweist zugleich auf Frederiksens jüngste Solo Einspielung. Einen Vergleich mit dem griechischen Sagenhelden, der mit seinem Gesang selbst Steine zum Weinen gebracht haben soll, braucht Frederiksen nicht zu scheuen: herrlich sonor und warm seine Bass Stimme, kunstvoll sein Zupfspiel. Ausbilden ließ sich der amerikanische Wahl Münchner in New York und Michigan. In Spitzenensembles der Alten Musik wie der Boston Camerata oder des Waverly Consort sammelte Frederiksen Erfahrungen. In Europa folgten Auftritte mit dem Huelgas Ensemble und dem Freiburger Barockorchester sowie mit Stars der Alten Musik wie Jordi Savall, Stephen Stubbs und Paul O'Dette. Bei erstklassigen Lables wie EMI, Harmonia Mundi, Erato oder Virgin liegen rund zwanzig Aufnahmen vor.

So wehmütig Liebespech auch stimmen mag: Wenn Frederiksen singt, wird einem warm ums Herz. Der gut besuchte Barocksaal des Klosters wurde erfüllt von betörenden Klängen, die mit einnehmender Natürlichkeit gestaltet wurden. Gebannt lauschten die Konzertbesucher dem modernen Minnesänger. Mit Charme und Witz wickelt er sein Publikum um den Finger. Höhepunkt im ersten Teil des Abends waren Vertonungen von John Dowland. Der seinerzeit berühmte Engländer wirkte auch in Deutschland. Ungeheuer die melodische und rhythmische Vielfalt, sensibel die Textbehandlung. Das berückend schöne "Flow my tears" war damals ein Welthit. Nicht minder apart und filigran "Time stands still": Was war das für ein intensiv auskomponiertes und großartig umgesetztes Innehalten einfach unerhört! Im zweiten Teil dann der Schwerpunkt mit Giulio Caccini: Sein Name ist mit der Entstehung der Oper verbunden.Gegeben wurde eine Auswahl aus "Le Nuove Musiche". Virtuos stürzte Frederiksen von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen und zupfte dabei auch noch brillant die Laute. Ein herrlicher Liebesabend nicht ganz, denn mit Batailles "Qui veut chasser une migraine" wurde auch ein Trinklied gegeben.

MARCO FREI


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