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Orpheus polyglott
Orpheus, I am. Musik der Spätrenaissance und des Frühbarocks aus England, Italien und Frankreich.
Joel Frederiksen (Bass, Laute), Sv. Schwannberger (Theorbo, Laute), D. Marincic (Vdg.). Ensemble Phoenix Productions.
Concerto, April, 2004
Bricht da ein Bass mutig ein in jenes Repertoire, das eigentlich zu den festen Lehensgründen der Soprane, der Countertenöre oder, wenigstens, der Tenöre rechnet? Über solche Stimmlagen-Präferenzen denkt man unwillkürzlich nach, wenn Joel Frederiksen als Orpheus hinuntersteigt in die rabenschwarze Unterwelt. Tatsächlich hört man so exzessiv ausgekostetes Bass-Kolorit nur ganz selten. Der amerikanische Sänger, der sich mit Vorliebe selbst auf der Laute begleitete, hat jedenfalls das Organ dazu - eine in der Tiefe geradezu sensationell tragfähige, ohne jeden Druck ihr Volumen entfaltende Stimme, deren Timbre in höheren Lagen sich deutlich wandelt, geschmeidig, sinnlich, und dann eben überhaupt nicht "schwarz" wirkt. Deises so charakteristische Material setzt Frederiksen mit höchster künstlerischer Intelligenz ein. Er transponiert die Stücke nicht in eine sängerisch angenehme Lage, sondern fragt stets nach dem möglichen Ausdruck und danach, wie Extremlagen die poetischen Inhalte eindrucksvoll überhöhen.
So gewinnt "Orpheus, I am" allein schon aus der Timbre-Malerei besonderen Reiz. Joel Frederiksen "malt" aber nicht nur, er hat auch stilistisch Überzeugendes anzubieten. Kundig setzt er Ornamente ein, nie als Selbstzweck, sondern immer aufs jeweilige Dichterwort bezogen. Und da gleiche gilt für die Diminutionen.
"The Musicians" nennt sich Frederiksens Team ganz unaffektiert - und so geht dieses Trio auch an die Sache heran. Als "Musikanten" gesellen sich Sven Schwannberger mit Theorbe und Laute sowie Domen Marinic auf der Viola da gamba zum Sänger, greifen Diminutionen wie selbstverständlich auf, kolorieren ihrerseits poetische Inhalte. Ihr stilkundiges Improvisieren lässt in manchem Vorspiel aufhorchen.
Und das Repertoire? Es spiegelt die inhaltliche Vielfalt und zugleich den "internationalen Ton", der im Lautenlied des Frühbarocks allenmal stärker war als Ländergrenzen. Von zarter Liebes-Lyrik (Caccini bis Dowland) über handfeste Parodien ("The Soldiers Song" von Tobias Hume) bis zur madrigalesken Ballade: ein tönender Bilderbogen von hoher Anschaulichkeit. Orpheus erweist sich als sehr polyglott. Weil Übersetzungen im Booklet fehlen, wird von den Hörern die gleiche Sprachkundigkeit vorausgesetzt.
REINHARD KRIECHBAUM
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